Schiffsverluste: 



 GUSTAV
 OBER

Am 27.Oktober 1910 verließ der Fischdampfer Gustav Ober der Reederei Bolte & Steenken unter der Führung des sechsunddreißigjährigen Kapitän Gerd Folkers von Hülsen mit zwölf Mann Besatzung die Weser, um unter Island zu fischen. Nach einer ersten Anlandung in Aberdeen nahm das Schiff erneut Kurs auf Island.

Am 29. November 1910 ritt der Bauer Helgi Thorassinsson an der Südküste Islands von seinem Hof Thykkvabae 18 km zum Strand Thykvabajafjörn. Dort entdeckte er eine Leiche, die deutsches Geld in der Tasche hatte. Auch zwei Südwester und eine Kiste mit 12 Flaschen Cognac waren hier angetrieben worden. Er brachte die Leiche zum 23 km von der Fundstelle entfernten Kirchort Prestbakki.





Am 01. Dezember ritt Helgi wieder an den Strand und suchte diesen in östlicher Richtung ab. Er fand Taustücke, blaues Tuch, Hosen, einen Rettungsring mit dem Schriftzug Gustav Ober und ein angetriebenes Boot, in dem sich Hartbrot, ein Bootskompaß und das Schiffstagebuch der Gustav Ober befanden. Der letzte Eintrag war auf den 24. November 1910 datiert.

Der Fund wurde umgehend dem Kreisrichter gemeldet. Ein Suchtrupp von drei Bauern aus Hörgsland und Zweien aus dem 21 km vom Strand entfernten Fossi brach mit Pferden am 03. Dezember auf, um 25 km Strand abzusuchen - ohne jedes Ergebnis.

Der am 29.November gefundene Ertrunkene wurde am 04. Dezember in Prestbakki namenlos beerdigt. Durch seinen Ehering und eine Uhr mit der Inschrift „Nordstern“ Deutsche Hochseefischerei konnte der Tote später als Kapitän von Hülsen identifiziert werden.

Am 14. Dezember wurde ein Ertrunkener in Hörgdalsfjörn entdeckt, der ebenfalls in Prestbakki namenlos bestattet wurde. Dieser Seemann wurde durch seinen Ehering als der Koch R. Möller erkannt.
Am 18. Januar 1911 wurde der dreiundzwanzigjährige Matrose P. Meyer wieder in Hörgdalsfjörn gefunden. Auch er wurde zunächst namenlos beerdigt. Ein Ring mit einem Kriegsadler gab ihm seinen Namen wieder, weil ein Heuerbaas in Bremerhaven sich an den Ring erinnern konnte.

Schließlich wurde am 13. März die Leiche des neunzehnjährigen Maschinenassistenten H.Koppelmeyer in Hvalsfjörn angetrieben. Er konnte sofort identifiziert und an seinem Beerdigungstag, dem 23. März, namentlich in das Kirchenbuch von Prestbakki eingetragen werden.
Sämtliche Beisetzungen waren mit einer Trauerzeremonie verbunden.






Die übrigen Besatzungs-mitglieder behielt die See.

Bereits nach dem Fund des Bootes und des Schiffstagebuches hatte das deutsche Konsulat in Reykjavík von der isländischen Verwaltung die traurige Nachricht erhalten. Der Konsul telegraphierte an die Reederei und schrieb an die Reichskanzlei in Berlin. Diese benachrichtigte den Bremer Senat, der wiederum das Seeamt in Bremerhaven informierte.

Die persönlichen Gegenstände der Toten wurden dem deutschen Konsulat übergeben, von diesem an die Reichskanzlei geschickt und von dort an den Senat in Bremen, der schließlich das Seeamt aufforderte aktiv zu werden.

Die Witwe von Hülsen erhielt die persönlichen Gegenstände ihres Mannes am 11. April 1904. Die Witwe Möller mußte bis zum 3. Juli warten, weil zunächst der Landrat in Leer eingeschaltet werden mußte, denn die Witwe Möller war mit ihren Kindern in ihr Elternhaus nach Ostfriesland gezogen.

Der Ring mit dem Kriegsadler beschäftigte nicht nur das Seeamt in Bremerhaven, sondern auch Polizeibehörden in Bremen, Innsbruck und München. Schließlich erhielt die Großmutter des Matrosen Meyer in München den Ring. Sie mußte sich allerdings verpflichten, bei Auftauchen eines näheren Erben, den Ring abzugeben.

Das Schiffstagebuch wurde am 31. Januar 1911 vom deutschen Konsul an die Reichskanzlei übersandt. Im Rahmen der Seeamtsverhandlung wurde es wiederholt zwischen den Bremer Behörden, dem Seeamt in Bremerhaven und der Reederei hin- und hergeschickt und gilt heute als verschollen. Da die Seeamtsverhandlung über die Gustav Ober nicht publiziert wurde und die Seeamtsakten 1944 verbrannten, ist die amtliche Beurteilung des Schiffsverlustes heute nicht mehr nachvollziehbar.

Bekannt ist aber, daß die angeschwemmten Gegenstände öffentlich auf Island versteigert wurden. So wurden für das Boot 29 Kronen erzielt und für den Kompaß 20 Kronen. Die Erlöse wurden gegen die Kosten der Bergung der Leichen, der Beerdigungen, der Suchexpedition und die amtlichen Gebühren aufgerechnet. Die Abrechnung wurde der Reederei zur Zahlung des Differenzbetrages zugeschickt. Aus mangelnder Bonität der Reedereien zahlte jedoch sehr oft das Reich den Differenzbetrag an die Dänische Staatskasse, die über die Verwaltung in Reykjavík den Bauern ihre Auslagen erstattete.


Autorin: Hilda Peters



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